Der Herr der Vorurteile

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Meine erste Moscheeführung machte ich gemeinsam mit einer Freundin und einer kleinen Gruppe von Menschen, die ich größtenteils schon kannte. Ich war ein bisschen aufgeregt. Ich habe zwar schon oft Menschen von meiner Religion erzählt, von meinem persönlichen Glauben und von meinem religiösen Alltag. Aber ich habe noch nie jemanden durch das Haus geführt, das von so vielen Muslimen als Gebetsstätte, Ruheort, Treffpunkt, Ort des Lernens oder einfach als Haus Gottes empfunden wird. Wir machten uns noch ein paar gedankliche Notizen, welche Räume wir zeigen wollten, zu welchen Gegenständen und architektonischen Besonderheiten wir etwas erklären wollten, welche Kaligraphien wir übersetzen wollten, möglichst so, dass alle dachten, wir könnten die Quran-Verse aus dem Stehgreif übersetzen.
Wir begannen ganz klassisch damit unsere Gäste zu begrüßen und sie zu bitten, ihre Schuhe auszuziehen und sie im Regal zu verstauen. Nach ein paar Erklärungen zur Kanzel, der Gebetsnische und den Ornamenten und Kaligraphien, setzten wir uns auf den roten Teppich in einem kleinen Kreis und begannen den Faden zu verlieren.
Oder der Faden wurde uns genommen. Ich kann schon jetzt nicht mehr rekonstruieren, an welchem Punkt unsere Erläuterungen durch die Fragen unserer Zuhörer ersetzt wurden. Wir versuchten  darüber zu sprechen, wie schön es ist, dass die Moschee jederzeit offen ist und man sich auch im Gebetsraum einfach treffen und sich unterhalten kann. Wir versuchten über die 5 Säulen des Islams und ihre Bedeutung zu sprechen. Wir versuchten über die Hilfsbereitschaft der Moscheegemeinde für Flüchtlinge zu sprechen. Über den Quran. Über die Prophetengeschichten. Und über den einen und gleichen Gott. Und zwischendrin wurden die interessierten Fragestellungen unterbrochen, von einem Teilnehmer, den ich in Gedanken irgendwann nur noch den „Herrn der Vorurteile“ nannte. Er wusste sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden:

„Wie wäre es denn, wenn Sie auf einmal einen Christen heiraten wollten. Was würden ihre Eltern machen?“

„Also in den ganzen islamischen Ländern, wenn man da etwas anderes sagt, oder denkt, sich gegen den Glauben wendet, Zweifel hat oder aus dem Islam austritt, da kriegt man ja schon Stress. Oder?“

„Wie ist das denn mit der Gleichstellung? In Afghanistan kriegen die Mädchen ja gar keine Schulbildung!“

„Ist das schlimm für Sie, dass hier der Muezzin nicht rufen darf? Also in den ganzen islamischen Ländern, da könnte ich als Christ ja jetzt auch nicht hin und meinen Glauben frei Leben und in eine Kirche gehen, in der die Glocken läuten. In der Türkei darf man ja nicht mal Kirchen bauen.“

„Außerdem sind ja alle islamischen Staaten Gottesstaaten. Da ist die Religion der Staat und der Staat die Religion. Das ist in Europa ja (Gott sei Dank) schon lange nicht mehr so, weil wir uns das durch die Aufklärung erkämpft haben.“

„In Saudi-Arabien haben die Frauen ja auch kein Wahlrecht. Und wer dort klaut, dem wird ja auch die Hand abgehackt.“

(Diese Aufzählung ist nicht vollständig!)

Obgleich die meisten dieser Vorurteile nicht als Fragen, sondern Vorwürfe und Behauptungen formuliert waren, antworteten wir mehr oder weniger geduldig und versuchten das meiste Un-Wissen zu beseitigen. Ich habe mich aber in keinem Satz getraut, das auszusprechen, was ich eigentlich die ganze Zeit sagen wollte:

Lieber Herr der Vorurteile,

zuerst war ich wütend: Auf Sie, auf die Menschen, die diese Vorurteile leider immer wieder bestätigen und auf die Medien, aus denen sie augenscheinlich Ihre Informationen beziehen, denn Sie haben gestanden: Sie kannten bisher keine Muslime persönlich!

Doch dann war ich weniger wütend, als einfach nur traurig und enttäuscht. Traurig über alles, was ich in unserer Führung nicht sagen konnte. Wir waren so sehr damit beschäftigt, Ihre reißerischen Thesen zu entkräften und auf Ihre voreingenommen Fragen zu antworten, dass wir keine Zeit und keine Kraft mehr dazu hatten, die Dinge zu erzählen, die wir Ihnen über unsere Religion mitgeben wollten.
Wir konnten nicht darüber sprechen, was uns Tag für Tag dazu bringt, trotz aller Schwierigkeiten und Anfeindungen an einer Religion festzuhalten, die als gewalttätig und frauenverachtend bezeichnet wird.

Wir konnten Ihnen nicht von den schönen Dingen erzählen: Von Barmherzigkeit, von Nächstenliebe, von Demut und Gottesnähe, von Geschwisterlichkeit und Gemeinschaft, von Gerechtigkeit und Bescheidenheit, von Licht und vom Sinn aller Dinge.

Und auch nicht von dem ganz besonderen Gefühl, wenn man als junger Mensch beginnt sich mit seiner Religion zu beschäftigen, vielleicht Zweifel hat, nach Antworten sucht und auf einmal diesen Moment der Einsicht hat und Gottes Nähe beinahe körperlich spürt. Und auch nicht davon, dass man in diesem Moment an den Quranvers: „…Und wir sind dem Menschen näher als seine Halsschlagader“ (Sure 50, Vers 16) oder „Und Er ist mit euch, wo immer ihr auch sein möget“ (Sure 57, Vers 4) denkt.

Und wir hatten auch keine Zeit mehr zu erzählen, dass an Tagen, in denen Menschen wie Sie uns das Leben schwer machen, wir unsere Hoffnung und Kraft in Versen wie diesen finden: „Allah legt keiner Seele mehr auf, als sie zu tragen vermag“ (Sure 2, Vers 286) oder „Nach der Erschwernis kommt Erleichterung. Wahrlich, nach der Erschwernis kommt Erleichterung“ (Sure 94, Vers 4).

Es tut mir leid, dass Sie das alles nicht hören konnten. Aber ich bin mir auch nicht sicher, ob Sie wirklich zugehört hätten.

Was mir aber noch mehr leid tut: Sie sind nicht die Ausnahme. Menschen wie Sie begegnen uns tagtäglich. Fragen immer wieder die gleichen Fragen, sodass wir beinahe schon ein großes 1×1 der Vorurteile zusammenstellen könnten. Werfen uns zurück auf ein Erklärungsniveau, von dem wir dachten, dass wir dieses längst überwunden hätten. Und das schlimmste daran ist: Sie prägen damit unseren Alltag und unseren Blickwinkel auf unsere Religion. Für viele ist es die intensivste, weil notwendigste Beschäftigung mit ihrer Religion, sich mit diesen Fragen auseinander zu setzen und Antworten zu finden, die sie Ihnen entgegen setzen können. Und genau das ist das fatale daran. Genauso wie wir keine Zeit hatten, Ihnen von den lichten Seiten unseres Glaubens zu erzählen, so haben wir selbst vor allem in jungen Jahren kaum Zeit uns unserer eigenen Religion auf eine Weise zu nähern, die erst Gottesvertrauen und dann Verbote lehrt, die Barmherzigkeit vor Strenge stellt und deren Grundtenor „Allah will Erleichterung für euch, er will keine Erschwernis für euch“ (Sure 2, Vers 185) lautet. Denn wir stehen unter ständigem Beschuss, in die Ecke gedrängt mit ständig wachsendem Rechtfertigungsdruck und wachsen so mit einem verzerrten Bild über uns selbst auf. Und damit verlieren wir es aus den Augen uns mit unserem Glauben abseits von Vorurteilen, Behauptungen und Anschuldigungen zu beschäftigen, sondern einfach aus dem Bedürfnis heraus zu verstehen, was Gott uns mit seiner Religion sagen will und ihm damit jeden Tag ein Stück näher zu kommen.

Für mich gibt es hier nur einen Ausweg: Entweder Sie hören auf, solche Fragen zu stellen oder wir fangen an, uns zu weigern darauf zu antworten!

Ich verstehe gar nicht, wie man ihn nicht mögen kann!

Neben mir im Bus sitzen 2 etwa 11 Jährige Jungen, die gerade von der Schule nach Hause fahren. Dem einen sieht man seinen Migrationshintergrund auf die Stirn geschrieben, der andere spricht so vollkommene deutsche Sätze, dass jeder Migrationshintergrund ausgeschlossen scheint. Sie unterhalten sich über Videospiele, iTunes und das Taschengeld. Danach wenden sie sich den wirklich wichtigen Dingen im Leben zu:
„Warum ist dieser Bus hier eigentlich so viel ruhiger als der, mit dem wir sonst fahren?“
„Weil in den anderen immer alle Ausländer steigen und sich da so wohl fühlen. Deshalb ist es immer laut“, antwortete der Junge, dessen Herkunft ich im arabischen Raum vermute.
„Ich sag dazu jetzt mal nichts. Ich bin ja selber nicht voll deutsch.“
Wieder was dazu gelernt: mindestens ein Elternteil kommt aus Portugal.
„Sind bei euch auf der Schule eigentlich viele Ausländer?“, fragte der kleine Portugiese weiter.
„Meine Schule besteht fast nur aus Ausländern. Und bei euch?“
„Ja, es gibt schon einige. Aber es gibt auch manche Lehrer, die mögen keine Ausländer. Meine Deutschlehrerin mag einen dunkelhäutigen Jungen aus meiner Klasse nicht. Der darf nie was sagen.“
„Wie heißt er?“
„Ahmad. Der ist total nett. Ich weiß gar nicht, wie man ihn nicht mögen kann.“

Kurzes Luftanhalten: Es ist so unendlich wahr, was er in so simple Worte gefasst hat.
Obwohl mich dieser Wortwechsel zum Lächeln brachte und ich auch auf dem Rest der Busfahrt mit einem Ohr weiterhin bei den Jungs von nebenan blieb, schockte mich das Erzählte, gab mir zum Nachdenken mit auf den Weg und wenn ich könnte, würde ich dieser Lehrerin gerne erzählen, dass sie vermutlich gar nicht weiß, welch unfassbar menschlichen Schüler sie unterrichtet.

Liebe Deutschlehrerin,

ich weiß nicht, inwiefern es stimmt, was Ihre Schüler über Sie erzählen, aber wenn nur ein Bruchteil Wahrheit daran ist, fürchte ich, dass Sie eine grauenvolle Lehrerin sind. Ich hoffe Sie vermitteln Ihren Schülern Sprachgefühl, Freude am Text, gute Grammatik und die Fähigkeit Sprache als ihre Waffe und ihr Werkzeug zu benutzen, um ihre Meinung zu sagen, gegen Unrecht zu sprechen und von Menschlichkeit zu erzählen.

Denn dann wird eben dieser Junge, der Ahmad sehr nett findet und der nicht verstehen kann, wie man Ahmad nicht nett finden kann, Ihnen eines Tages sagen, dass Sie Ihren Schülern etwas Falsches beigebracht haben.

Einen Jungen in der 5. oder 6. Klasse derart zu benachteiligen, nur weil er eine dunkle Hautfarbe hat, ist nicht die Verwirklichung Ihres Erziehungsauftrags, kraft dessen sie Respekt, Toleranz, Gleichberechtigung und die Achtung der Menschenwürde lehren sollen.  Aber glücklicherweise kann Ihr Schüler mit seinem unbeeinflussten Urteilsvermögen und reinen Herzen noch unterscheiden, was richtig und falsch ist. Er nimmt seinen Mitschüler zwar als dunkelhäutigen Jungen wahr, aber er schafft es trotz allem zu differenzieren zwischen seiner anderen Erscheinung, Herkunft oder seinem kulturellem Hintergrund und seiner Persönlichkeit. Und er entscheidet sich dafür, seine Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen und alle anderen Faktoren, für die Ahmad ja gar nichts kann, in den Hintergrund treten und unbedeutend werden zu lassen. Ist nicht das die Idee der Menschenwürde? Alle äußeren Faktoren von einer Person zu abstrahieren, ihn als Menschen in den Mittelpunkt zu rücken und nur ihm in seinem Menschsein zu begegnen?

„Er ist total nett.“ Deshalb mag ich ihn. So einfach ist das in Kinderköpfen. Und so einfach sollte es in jedem Kopf sein.

Jeder der am eigenen Leib und an der eigenen Psyche Diskriminierungserfahrungen erlebt hat, weiß, dass dies genau der Kern des Problems ist: Des Herabwürdigende ist nicht, benachteiligt zu werden, mehr leisten zu müssen, sich immer wieder rechtfertigen und erklären zu müssen und für die eigenen Rechte kämpfen zu müssen.

Nein, es die Erfahrung, dass es nicht zählt wer du bist. Du bist deine dunkle Hautfarbe, deine ausländische Herkunft, deine Behinderung, dein Kopftuch, deine Andersartigkeit! Sagt man dir. Aber du weißt, dass du so viel mehr bist. Nur das sieht dein Gegenüber nicht und interessiert auch nicht.

Ich hoffe, liebe Deutschlehrerin, dass Ihre Schüler Ihnen diese intuitive Weisheit eines Tages beibringen werden!