Ich verstehe gar nicht, wie man ihn nicht mögen kann!

Neben mir im Bus sitzen 2 etwa 11 Jährige Jungen, die gerade von der Schule nach Hause fahren. Dem einen sieht man seinen Migrationshintergrund auf die Stirn geschrieben, der andere spricht so vollkommene deutsche Sätze, dass jeder Migrationshintergrund ausgeschlossen scheint. Sie unterhalten sich über Videospiele, iTunes und das Taschengeld. Danach wenden sie sich den wirklich wichtigen Dingen im Leben zu:
„Warum ist dieser Bus hier eigentlich so viel ruhiger als der, mit dem wir sonst fahren?“
„Weil in den anderen immer alle Ausländer steigen und sich da so wohl fühlen. Deshalb ist es immer laut“, antwortete der Junge, dessen Herkunft ich im arabischen Raum vermute.
„Ich sag dazu jetzt mal nichts. Ich bin ja selber nicht voll deutsch.“
Wieder was dazu gelernt: mindestens ein Elternteil kommt aus Portugal.
„Sind bei euch auf der Schule eigentlich viele Ausländer?“, fragte der kleine Portugiese weiter.
„Meine Schule besteht fast nur aus Ausländern. Und bei euch?“
„Ja, es gibt schon einige. Aber es gibt auch manche Lehrer, die mögen keine Ausländer. Meine Deutschlehrerin mag einen dunkelhäutigen Jungen aus meiner Klasse nicht. Der darf nie was sagen.“
„Wie heißt er?“
„Ahmad. Der ist total nett. Ich weiß gar nicht, wie man ihn nicht mögen kann.“

Kurzes Luftanhalten: Es ist so unendlich wahr, was er in so simple Worte gefasst hat.
Obwohl mich dieser Wortwechsel zum Lächeln brachte und ich auch auf dem Rest der Busfahrt mit einem Ohr weiterhin bei den Jungs von nebenan blieb, schockte mich das Erzählte, gab mir zum Nachdenken mit auf den Weg und wenn ich könnte, würde ich dieser Lehrerin gerne erzählen, dass sie vermutlich gar nicht weiß, welch unfassbar menschlichen Schüler sie unterrichtet.

Liebe Deutschlehrerin,

ich weiß nicht, inwiefern es stimmt, was Ihre Schüler über Sie erzählen, aber wenn nur ein Bruchteil Wahrheit daran ist, fürchte ich, dass Sie eine grauenvolle Lehrerin sind. Ich hoffe Sie vermitteln Ihren Schülern Sprachgefühl, Freude am Text, gute Grammatik und die Fähigkeit Sprache als ihre Waffe und ihr Werkzeug zu benutzen, um ihre Meinung zu sagen, gegen Unrecht zu sprechen und von Menschlichkeit zu erzählen.

Denn dann wird eben dieser Junge, der Ahmad sehr nett findet und der nicht verstehen kann, wie man Ahmad nicht nett finden kann, Ihnen eines Tages sagen, dass Sie Ihren Schülern etwas Falsches beigebracht haben.

Einen Jungen in der 5. oder 6. Klasse derart zu benachteiligen, nur weil er eine dunkle Hautfarbe hat, ist nicht die Verwirklichung Ihres Erziehungsauftrags, kraft dessen sie Respekt, Toleranz, Gleichberechtigung und die Achtung der Menschenwürde lehren sollen.  Aber glücklicherweise kann Ihr Schüler mit seinem unbeeinflussten Urteilsvermögen und reinen Herzen noch unterscheiden, was richtig und falsch ist. Er nimmt seinen Mitschüler zwar als dunkelhäutigen Jungen wahr, aber er schafft es trotz allem zu differenzieren zwischen seiner anderen Erscheinung, Herkunft oder seinem kulturellem Hintergrund und seiner Persönlichkeit. Und er entscheidet sich dafür, seine Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen und alle anderen Faktoren, für die Ahmad ja gar nichts kann, in den Hintergrund treten und unbedeutend werden zu lassen. Ist nicht das die Idee der Menschenwürde? Alle äußeren Faktoren von einer Person zu abstrahieren, ihn als Menschen in den Mittelpunkt zu rücken und nur ihm in seinem Menschsein zu begegnen?

„Er ist total nett.“ Deshalb mag ich ihn. So einfach ist das in Kinderköpfen. Und so einfach sollte es in jedem Kopf sein.

Jeder der am eigenen Leib und an der eigenen Psyche Diskriminierungserfahrungen erlebt hat, weiß, dass dies genau der Kern des Problems ist: Des Herabwürdigende ist nicht, benachteiligt zu werden, mehr leisten zu müssen, sich immer wieder rechtfertigen und erklären zu müssen und für die eigenen Rechte kämpfen zu müssen.

Nein, es die Erfahrung, dass es nicht zählt wer du bist. Du bist deine dunkle Hautfarbe, deine ausländische Herkunft, deine Behinderung, dein Kopftuch, deine Andersartigkeit! Sagt man dir. Aber du weißt, dass du so viel mehr bist. Nur das sieht dein Gegenüber nicht und interessiert auch nicht.

Ich hoffe, liebe Deutschlehrerin, dass Ihre Schüler Ihnen diese intuitive Weisheit eines Tages beibringen werden!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Ich verstehe gar nicht, wie man ihn nicht mögen kann!

  1. Sehr schön beobachtet. Genau das erklärt, warum ich den neulich im Fernsehen gelaufenen Film „Die Neue“ so verkehrt und propagandistisch fand. Darin wird die Realität komplett auf den Kopf gestellt. Es waren nie die Mitschüler, die einen bloßgestellt oder marginalisiert haben, sondern – so habe ich und viele andere es erlebt – der Staat in Form der Lehrkräfte. Oft sind es leider Menschen mit Vorbild Funktion, die einem das Leben unerträglich machen und zur Intoleranz aufrufen. Im Großen wie im Kleinen…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s