Eigentlich wollte ich schweigen

Am frühen Freitagabend lese ich bei Facebook noch einen munteren Post: Freitag der 13.- War doch gar nicht so schlimm!“ Zu früh gefreut: Für hunderte Menschen in Paris nimmt dieser Aberglaube Realität in ungeahnten Dimensionen an. Das Ereignis zieht seine Kreise auf der ganzen Welt und trifft jeden.

Seit Samstagabend diskutieren wir im Vorstand unserer islamischen Hochschulvereinigung ob wir den Vortrag am kommenden Montag zum Thema Islamophobie, der eine literaturwissenschaftliche und orientalistische Analyse der Islamphobie in Literatur und Kunst bieten soll, verschieben sollten: Mangelnde Sensibilität. Angst vor Hetzern. Von beiden Seiten. Rücksicht auf verängstigte und besorgte Menschen auf der ganzen Welt und eben auch in unserem nächsten Umfeld. Wir würden uns wieder als Opfer präsentieren, obwohl wir die Täter seien.

Erst diese Diskussion drängt mich dazu, mich zu den Ereignissen zu äußern, weil mir hier erst bewusst wird, wie tief die Geschehnisse in Paris meine alltäglichen Entscheidungen treffen. Denn eigentlich wollte ich schweigen. Vor allem nachdem ich so aufmerksam wie noch nie den Diskurs in Social-Media und Presse mitverfolgt habe, und feststellen musste: Jeder bewirft jeden mit Dreck.

Der Hashtag #PrayforParis erntet Kritik, weil er die europäischen Opfer vor all die Anschlagsopfer in Beirut, Somalia, Bagdad und Gaza stellt und europäische Menschenleben mehr wert sein lässt, als andere. Unrecht erkenne Europa anscheinend erst, wenn es vor der eigenen Haustür passiere.

Außerdem sei das Problem Terrorismus mit einem Hashtag und der farblichen Hinterlegung des Profilbilds ja auch nicht getan.

Der erste Gedanke vieler Muslime: „Bitte lass es nicht wieder Muslime gewesen sein!“ Das sei ja viel zu selbstbezogen und lässt die Anteilnahme in den Hintergrund treten.

Wer sich als Muslim nicht blitzartig distanziert, riskiert es der Nicht-Distanzierung von Glaubensgeschwistern und damit des Bekenntnisses zum radikalen Islamismus bezichtigt zu werden.
Wer sich allerdings distanziert, dem wird vorgeworfen: Wenn du dich distanzierst, implizierst du automatisch eine ideelle Nähe zu den Attentätern. Möchtest du das etwa?
Gleich folgt auch der Aufruf, endlich die verkrusteten Lehren des Islam aufzubrechen, der zwar an sich eine friedliche Religion sei, aber dessen heutiges Verständnis die jungen Menschen eben dazu verleite, sich zu radikalisieren.

Sich zu radikalisieren fordert auch der Springer-Chef Mathias Döpfner: Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte. Und: Nicht unterwerfen, sondern kämpfen, lautet sein Motto in diesen Tagen.
Der Kampf gegen den Terrorismus wird wieder eingeläutet, denn der Angriff habe nicht den Opfern gegolten, sondern uns allen und unseren Werten, so die tongebenden Staatschefs.

Keine drei Sekunden später wird zurückgeschossen: Dieser Kampf gegen den Terrorismus und die Versorgung mit Waffen durch den Westen sei doch grade Schuld an der Radikalisierung dieser jungen muslimischen Männer und mache solche Angriffe möglich.

Aus diesem Grund, wollte ich eigentlich schweigen.

Denn was soll ich dazu noch sagen, wenn offensichtlich schon alles gesagt ist und doch nichts zufriedenstellend ist?
Erklären was da passiert ist, kann ich ohnehin nicht. Warum die Täter andere Menschen töten anstatt selbst ein friedliches Leben zu führen, weiß ich leider auch nicht. Und eine Lösung kann ich erst recht nicht bieten.

Aber ich kann sagen, dass neben dem Entsetzen über diese Taten, dem Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer und der Verachtung dieser absolut ungerechtfertigten Gewalt, mich diese Ereignisse auch in meinem persönlichen Alltag treffen.

Damit meine ich nicht, dass ich in Zukunft noch misstrauischer in der Öffentlichkeit betrachtet werde, der Platz neben mir in der Bahn noch öfter frei bleibt und ich selbst bei Inlandsflügen bei der Sicherheitskontrolle intensiver kontrolliert werde. Nein, ich meine damit, dass ich mich davor fürchte Angst haben zu müssen.

In den letzten Monaten ist es bereits zweimal passiert, dass ich Veranstaltungen im muslimischen Rahmen absagen musste, beim ersten Mal wegen Pegida und das andere Mal machte uns ein Hogesa-Aufmarsch einen Strich durch die Rechnung. Wir fürchteten in die Menge der Demonstranten zu geraten und uns durch unser klar auszeichnendes Äußeres der Wut der Wutbürger auszusetzen. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, in den Straßen meiner eigenen Stadt und meines Heimatlandes nicht mehr sicher sein zu können.

Nun ist die Situation etwas anders. Es geht darum, dass folgende Fragen uns immer wieder durch den Kopf gehen: Müssen wir uns aus Angst vor polarisierten Menschen verstecken, die diese Situation dazu nutzen, erneut gegen den Islam und die Muslime zu hetzen? Muss ich jetzt vorsichtiger sein, was ich in der Öffentlichkeit sage? Denkt mein Kollege, Nachbar und Kommilitone vielleicht, dass ich einen genauso radikalen Islam vertrete, diese Taten gut heiße oder ich vielleicht Gefahr laufe, mich zu radikalisieren? Und muss ich diesen „verängstigten Bürgern“ noch offener und vorsichtiger begegnen, um ihnen das Gegenteil des Generalverdachts zu beweisen?

Und es geht darum, dass ich auf diese Fragen nicht mit einem klaren Nein oder Ja antworten kann. Es geht darum, dass mich diese Fragen in den nächsten Wochen begleiten und mein Handeln beeinflussen werden.

Die ersten Berichte von Freundinnen mit Kopftuch sind bereits eingegangen und sie erzählen, dass sie im Zug lautstark als Terroristin und islamische Faschistin  beschimpft werden, denen man ins Gesicht sagt, dass ihre Leute für die Anschläge verantwortlich sind, dass man auf einen 3. Weltkrieg hofft, um die Islamisierung Europas zu beenden und dass es ein Traum wäre, wenn Menschen wie sie vom Angesicht der Erde ausradiert würden. Ganz obskur wird es dann, wenn man sich als Muslima im Zug fragen lassen muss, welche Antwort man denn auf all diese Probleme habe und was einem denn einfiele, dass er jetzt auch noch seinen Anschluss verpasse. Ihre etwas verstörte Antwort lautete in diesem Moment: Alles wird gut, sie werden noch gut nach Hause kommen!
Und es war, als fiel ihm seine Maske aus Angst und Misstrauen vom Gesicht und er murmelte nur noch vor sich hin: Ja, alles wird gut.

Mittlerweile ist es Montagabend und letztendlich bin ich erleichtert darüber, dass die Veranstaltung nicht abgesagt wurde, wir uns nicht wie empfohlen Polizeischutz besorgt haben, sondern mit einem sensibilisierten, etwas bitteren Beigeschmack der Vorsicht nicht von unserem Programm abgewichen sind.

Und ratet was passiert ist: Nichts! Es war ein gut besuchter Vortrag, mit sehr gemischter und interessierter Zuhörerschaft, die anschließend noch eine gepflegte Diskussion anzettelte.
Aber ich vergesse nicht die Anspannung zuvor und auch nicht den Moment, in dem ich den Raum betrat und zuallererst die Reihen nach potentiellen „Störern“ abscannte. Ich will nicht mit diesen paranoiden Gedanken durch meinen Alltag gehen.

Ich will auch nicht, dass sämtliche Staatschefs und selbst der Papst das Kriegsvokabular aus der 9/11-Kiste rauskramen und den Krieg gegen den Terrorismus ausrufen. Denn der Krieg bringt die Angst und das Misstrauen in die zwischenmenschliche Begegnung und trifft die gesamte Gesellschaft und die Muslime doppelt, wenn diese Angst von einigen Mitmenschen in Wut, Hass und Beschimpfung umgewandelt und gegen ihre muslimischen Nachbarn, Kollegen und Freunde gewendet wird. Vielleicht sollten wir lieber beginnen uns gegenseitig zu sagen: Hab etwas Vertrauen! Alles wird gut! Vielleicht fällt dann auch bei uns allen bald die Maske der Angst und des Misstrauens.

Denn was können wir als Einzelner mitten in diesem Chaos schon ändern, außer unsere alltäglichen, zwischenmenschlichen Begegnungen und dafür sorgen, dass dieser Krieg, wenn er denn geführt werden muss, nicht zwischen mir und dir stattfindet?!

Mama, kaufst du mir auch so ein Kopftuch?

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Seit 5 Uhr wach. Um 6:20 in völliger Dunkelheit losgefahren. Und abends völlig erschlagen mit dem Zug wieder auf dem nach Hause.
Ich genieße nach einem anstrengenden Tag mein Buch, als sich ein kleines etwa 4 Jähriges Mädchen neben mich setzt und sagt:

„Hallo, ich sitze jetzt hier. Aber ich kann mich nicht so gut festhalten.“
„Hallo, schön, dass du hier sitzt.“
„Was ist das?“ Sie zeigt auf den Haken am Fenster über mir.
„Ein Haken, da kannst du deine Jacke aufhängen.“
Sie hängte kommentarlos ihre Jacke auf.
„Jetzt hängt da meine Jacke!“ Es machte sie fast stolz, dass ihre rosa Plüsch Jacke (die sie mir zwischenzeitlich auch an die Wange rieb, damit ich fühlte wie gut man mit ihr kuscheln konnte) nun an dem Haken hing.
„Ja, aber du darfst sie gleich nicht vergessen.“
„Stimmt, sonst ist mir kalt!“
„Genau, und dann erkältest du dich.“
„So wie George.“
„Wer ist George?“
„Ein Schwein!“
„Ein Schwein, das sich erkältet hat?“
„Ja, genau!“
Aha. Ich bemühte mich weiterhin ernst zu bleiben.
„Was ist das?“ Sie zeigte auf meinen Hals.
„Ein Schal“, war meine Antwort.
„Nein, das meine ich nicht. Was ist das hier?“ Und sie klopfte mir mal kurz auf den Kopf.
„Achso, das ist ein Kopftuch.“
„Mama, kaufst du mir auch so eins?“
Ihre Mutter steckte den Kopf zu uns nach vorn und schaute mich etwas besorgt an.
„Du hast doch schon so viele Mützen und Schals“, versuchte sie ihre Tochter den Wunsch auszureden.
„Ja, aber ich will so ein Kopftuch. Mama, kaufst du mir auch so ein Kopftuch?“
Ihre drei Freundinnen neben uns lachten, genau wie ich. Aber ich sah auch den alarmierten Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Mutter. Islamisierte ich etwa ihre kleine 4 Jährige Tochter?
Deshalb sagte ich: „Aber das brauchst du doch gar nicht!“
Ihre Mutter lehnte sich wieder etwas entspannter zurück. Aber am liebsten hätte ich gar nicht das Bedürfnis gehabt es zu sagen.
Die Kleine kletterte wieder zu ihrer Mutter auf den Sitz und ich hörte nur von hinten: „Mama, die Fremde redet mit mir. Ich glaube sie ist meine Freundin!“.

Meine liebe Zug-Freundin,

tu mir bitte einen Gefallen: Bleib so wie du bist, so unbefangen und offen für Neues. Dann wirst du überall und immer Freunde finden, die dich gerne im Gedächtnis behalten. So wie ich!

Zwei deutsche Euro

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In der Schule, im Bus und beim Einkaufen. Das sind die Situationen, in denen man der gesellschaftlichen Realität am intensivsten begegnet. So empfinde ich es jedenfalls. Und neulich beim Einkaufen wurde es mir wieder deutlich vor Augen geführt:
Vor einem Ketten-Discounter, direkt neben den Einkaufswagen stand eine junge Frau, in der einen Hand eine Obdachlosenzeitschrift und in der anderen ein leerer Kaffeebecher, der auf kleine Münzen wartete. Sie lächelte jedem freundlich zu, der an ihr vorbei lief.
„Du weißt, dass du hier einen Ausweis tragen musst. Sonst darfst du hier deine Zeitschriften gar nicht verkaufen!“, maulte ein Mann, der wütend an ihr vorbei lief.
Hektisch suchte sie in ihrem rosafarbenen Rucksack nach einem Ausweis.
„Deinen albanischen Ausweis will ich gar nicht sehen, der interessiert mich nicht. Ich meine den Zeitungsausweis!“, rief er.
„Ja, ja, sofort!“, murmelte sie verängstigt und zeigte erleichtert ihren Ausweis, der es ihr offiziell erlaubte, hier ihre Zeitungen zu verkaufen.
„Na endlich! Den musst du immer offen tragen“, rief er noch unfreundlich und war auch schon weg.
„Ja, danke!“, war ihre Antwort.

Die meisten der umstehenden Menschen hatten diesen kleinen Zwischenfall gar nicht wahrgenommen, ein gut gekleideter Mann war stehen geblieben und schüttelte entschuldigend den Kopf. Ich schämte mich und ging in den Laden.
Bei jedem Produkt, das ich in meinen übervollen Einkaufswagen legte, dachte ich an die junge Frau mit ihrem rosafarbenen Rucksack und ihre Zeitungen, die sie verkaufte, um nicht absolut nichts zu tun für ihr Geld und daran, wie wütend mich dieser Vorfall gemacht hat.
Auf dem Weg nach draußen, war es mehr eine Kurzschlussreaktion als eine bewusste Entscheidung: Das 2-Euro Stück aus meinem Einkaufswagen, landete nicht in meiner Manteltasche, sondern klirrte leise in ihrem Kaffeebecher.
„Danke, alles Gute!“.
Ich schämte mich noch mehr und begann grade erst meine Gedanken zu ordnen:

Lieber besorgter Bürger,

wissen Sie wofür wir Ordnungsbehörden und die Polizei haben? Wissen Sie, warum nur der Hausherr die Kompetenz hat, das Hausrecht auf seinem Grundstück auszuüben, auch wenn es öffentlich zugänglich ist?
Richtig: Damit wir uns nicht gegenseitig kontrollieren müssen.
Was glauben Sie, gibt Ihnen eigentlich das Recht, eine junge Frau in diesem Ton nach ihrem Ausweis zu fragen, sie zu kontrollieren und sie öffentlich zu demütigen?
Wieder richtig: Nichts!
Es ist schlicht nicht Ihre Kompetenz, Ihre Mitbürger nach Ihrem Ausweis zu fragen, es sollte viel mehr Ihre Kompetenz sein, Ihren Mitbürgern auf Augenhöhe zu begegnen. Aber anscheinend hat Ihnen auch das niemand beigebracht, denn sonst wüssten Sie, dass man Fremde nicht duzt, sondern Sie mit einem respektvollen „Sie“ anspricht, bis sie einem das Du aus Freundschaft und Verbundenheit anbieten. Ja, selbst Ausländer, Flüchtlinge und Migranten wollen vielleicht gesiezt und respektvoll behandelt werden. Aber ich fürchte, wenn man sie so behandelt, werden sie einem das Du niemals gerne anbieten.
Und woher wissen Sie überhaupt, dass diese junge Frau, die hier versucht ein paar Euro dazu zu verdienen, aus Albanien kommt?
Zum dritten Mal richtig: Sie wissen es nicht! Und es spielt auch keine Rolle.
Aber für Sie spielt es anscheinend eine Rolle, weil sie wissen, dass sie sich nicht wehren kann, dass sie in der „Nahrungskette“ weit unter Ihnen steht und Sie sich diese Frechheit einfach leisten können. Oder wie sagt Versengold es in seinem Song: „Immer schön nach unten treten und dabei nach oben schaun!“
Doch trotz allem, möchte ich mich doch bei Ihnen bedanken: Ich selbst habe einen Migrationshintergrund, den man mir ansieht und werde häufig mit dem Ausländer-Du angesprochen oder respektloser behandelt als andere Mitmenschen. Deshalb habe ich es fast erwartet, mich selbst angegriffen zu fühlen durch Ihre Frechheit, aus Verbundenheit mit der jungen Frau und aus dem Wissen heraus, dass wir auf der gleichen Seite der Gesellschaft stehen.

Das tat ich aber nicht. Ich überraschte mich selbst und schämte mich vielmehr für Sie und Ihr Verhalten und stellte fest, dass trotz aller Differenzen Sie und Ich vielmehr auf der gleichen gesellschaftlichen Seite stehen. Vielleicht wird Sie das jetzt ein bisschen ärgern, aber: Ich habe mich lange (wahrscheinlich seit der WM 2006) nicht mehr so deutsch gefühlt, wie in dem Moment, als meine 2-Euro Münze in dem Kaffeebecher klirrte. Anstatt mich angegriffen zu fühlen, schämte ich mich für Ihr Verhalten und hatte das dringende Bedürfnis, mich für Sie zu entschuldigen.
Denn deutsch sein, bedeutet schon lange nicht mehr nur, die gleiche Sprache zu sprechen, hier aufgewachsen zu sein, sich mit diesem Land und seiner Geschichte zu identifizieren und den eigenen Lebensmittelpunkt und die Zukunft hier zu sehen. Es bedeutet nämlich auch, privilegiert zu sein. Auf der Seite zu stehen, die geben könnte, wenn sie wollte. Nach unten treten zu können, wenn wir wollten.
Aber ich will nicht. Und sie sollten auch nicht wollen!