Zwei deutsche Euro

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In der Schule, im Bus und beim Einkaufen. Das sind die Situationen, in denen man der gesellschaftlichen Realität am intensivsten begegnet. So empfinde ich es jedenfalls. Und neulich beim Einkaufen wurde es mir wieder deutlich vor Augen geführt:
Vor einem Ketten-Discounter, direkt neben den Einkaufswagen stand eine junge Frau, in der einen Hand eine Obdachlosenzeitschrift und in der anderen ein leerer Kaffeebecher, der auf kleine Münzen wartete. Sie lächelte jedem freundlich zu, der an ihr vorbei lief.
„Du weißt, dass du hier einen Ausweis tragen musst. Sonst darfst du hier deine Zeitschriften gar nicht verkaufen!“, maulte ein Mann, der wütend an ihr vorbei lief.
Hektisch suchte sie in ihrem rosafarbenen Rucksack nach einem Ausweis.
„Deinen albanischen Ausweis will ich gar nicht sehen, der interessiert mich nicht. Ich meine den Zeitungsausweis!“, rief er.
„Ja, ja, sofort!“, murmelte sie verängstigt und zeigte erleichtert ihren Ausweis, der es ihr offiziell erlaubte, hier ihre Zeitungen zu verkaufen.
„Na endlich! Den musst du immer offen tragen“, rief er noch unfreundlich und war auch schon weg.
„Ja, danke!“, war ihre Antwort.

Die meisten der umstehenden Menschen hatten diesen kleinen Zwischenfall gar nicht wahrgenommen, ein gut gekleideter Mann war stehen geblieben und schüttelte entschuldigend den Kopf. Ich schämte mich und ging in den Laden.
Bei jedem Produkt, das ich in meinen übervollen Einkaufswagen legte, dachte ich an die junge Frau mit ihrem rosafarbenen Rucksack und ihre Zeitungen, die sie verkaufte, um nicht absolut nichts zu tun für ihr Geld und daran, wie wütend mich dieser Vorfall gemacht hat.
Auf dem Weg nach draußen, war es mehr eine Kurzschlussreaktion als eine bewusste Entscheidung: Das 2-Euro Stück aus meinem Einkaufswagen, landete nicht in meiner Manteltasche, sondern klirrte leise in ihrem Kaffeebecher.
„Danke, alles Gute!“.
Ich schämte mich noch mehr und begann grade erst meine Gedanken zu ordnen:

Lieber besorgter Bürger,

wissen Sie wofür wir Ordnungsbehörden und die Polizei haben? Wissen Sie, warum nur der Hausherr die Kompetenz hat, das Hausrecht auf seinem Grundstück auszuüben, auch wenn es öffentlich zugänglich ist?
Richtig: Damit wir uns nicht gegenseitig kontrollieren müssen.
Was glauben Sie, gibt Ihnen eigentlich das Recht, eine junge Frau in diesem Ton nach ihrem Ausweis zu fragen, sie zu kontrollieren und sie öffentlich zu demütigen?
Wieder richtig: Nichts!
Es ist schlicht nicht Ihre Kompetenz, Ihre Mitbürger nach Ihrem Ausweis zu fragen, es sollte viel mehr Ihre Kompetenz sein, Ihren Mitbürgern auf Augenhöhe zu begegnen. Aber anscheinend hat Ihnen auch das niemand beigebracht, denn sonst wüssten Sie, dass man Fremde nicht duzt, sondern Sie mit einem respektvollen „Sie“ anspricht, bis sie einem das Du aus Freundschaft und Verbundenheit anbieten. Ja, selbst Ausländer, Flüchtlinge und Migranten wollen vielleicht gesiezt und respektvoll behandelt werden. Aber ich fürchte, wenn man sie so behandelt, werden sie einem das Du niemals gerne anbieten.
Und woher wissen Sie überhaupt, dass diese junge Frau, die hier versucht ein paar Euro dazu zu verdienen, aus Albanien kommt?
Zum dritten Mal richtig: Sie wissen es nicht! Und es spielt auch keine Rolle.
Aber für Sie spielt es anscheinend eine Rolle, weil sie wissen, dass sie sich nicht wehren kann, dass sie in der „Nahrungskette“ weit unter Ihnen steht und Sie sich diese Frechheit einfach leisten können. Oder wie sagt Versengold es in seinem Song: „Immer schön nach unten treten und dabei nach oben schaun!“
Doch trotz allem, möchte ich mich doch bei Ihnen bedanken: Ich selbst habe einen Migrationshintergrund, den man mir ansieht und werde häufig mit dem Ausländer-Du angesprochen oder respektloser behandelt als andere Mitmenschen. Deshalb habe ich es fast erwartet, mich selbst angegriffen zu fühlen durch Ihre Frechheit, aus Verbundenheit mit der jungen Frau und aus dem Wissen heraus, dass wir auf der gleichen Seite der Gesellschaft stehen.

Das tat ich aber nicht. Ich überraschte mich selbst und schämte mich vielmehr für Sie und Ihr Verhalten und stellte fest, dass trotz aller Differenzen Sie und Ich vielmehr auf der gleichen gesellschaftlichen Seite stehen. Vielleicht wird Sie das jetzt ein bisschen ärgern, aber: Ich habe mich lange (wahrscheinlich seit der WM 2006) nicht mehr so deutsch gefühlt, wie in dem Moment, als meine 2-Euro Münze in dem Kaffeebecher klirrte. Anstatt mich angegriffen zu fühlen, schämte ich mich für Ihr Verhalten und hatte das dringende Bedürfnis, mich für Sie zu entschuldigen.
Denn deutsch sein, bedeutet schon lange nicht mehr nur, die gleiche Sprache zu sprechen, hier aufgewachsen zu sein, sich mit diesem Land und seiner Geschichte zu identifizieren und den eigenen Lebensmittelpunkt und die Zukunft hier zu sehen. Es bedeutet nämlich auch, privilegiert zu sein. Auf der Seite zu stehen, die geben könnte, wenn sie wollte. Nach unten treten zu können, wenn wir wollten.
Aber ich will nicht. Und sie sollten auch nicht wollen!

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Ein Gedanke zu “Zwei deutsche Euro

  1. Jemanden Fremden mit „Du“ anzusprechen, kann sogar den Tatbestand der Beleidigung erfüllen – war zumindest früher mal so, wie das heute ist, wäre mal interessant…

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