Islamists Not Welcome!

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„Islamists not Welcome – Stay back or we´ll kick you back”. Ein Ritter in mittelalterlicher Darstellung jagt zwei Menschen, einen Mann eine Frau, beide bewaffnet, hinterher. Die Anspielung auf „Refugees Welcome“ liegt nicht fern, die Assoziation mit Kreuzzugsymboliken auch nicht. Der Kulturkampf liegt in der Luft.

Das ist der Empfang, der mich am Wochenende nach den Anschlägen in Paris willkommen heißt.  Es frustrierst mich, setzt allem noch eine Krone auf. Gleichzeitig versuche ich mir einzureden: Es geht ja „nur um Islamisten“, nicht generalisierend um Muslime. Es hätte auch ganz anders lauten können, nämlich „Muslims not Welcome – Stay back or we´ll kick you back.“ Ich versuche die Vermutung unter den Teppich zu kehren,  dass alle Flüchtlinge unter dem Generalverdacht stehen, Islamisten zu sein und Gefahr laufen, aus dem Land gejagt zu werden, von diesen Sticker-Klebern. Und trotzdem: Es reicht bereits die Darstellung in mittelalterlichem Kreuzzug-Gehabe und das Image, das dahinter steht um mich zu reizen.

Am nächsten Tag werfe ich einen hasserfüllten Blick auf den Sticker am Universitätshintereingang und lese einen Kommentar, eng gekritzelt auf den Schildhalter: „Terrorism has no Religion!“ Ein mittlerweile fast ausgelutschtes Mantra, das zwar stimmt aber durch seinen inflationären Gebrauch kaum noch Gehör findet. Trotzdem hebt es meine Stimmung zu sehen, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, etwas, das ihn stört nicht unkommentiert zu lassen.

Auch heute laufe ich wieder daran vorbei: Alle Sticker dieser Art sind abgerissen worden. Nasse, klebrige Reste hängen hässlich an den Wänden, Schildern und Zäunen. Die Aussage ist weg, was aber bleibt sind entstellende Spuren im Alltag. Ihre Hässlichkeit erinnert mich daran, dass genug Leute genug Courage hatten, eine Aussage zu verbannen, die nirgendwo hingehört. Ich muss unwillkürlich an ein Gespräch denken, dass sich neulich zwischen einem Busfahrer und einen Fahrgast abspielte.

Ein Mann lief gehetzt dem Bus hinterher, den er eigentlich schon verpasst hatte und bat mit Gesten darum, dass er ihn noch mitnehme. Der Busfahrer hielt kurz vor einem Zebrastreifen, ließ den Mann rein und fuhr weiter. Daraufhin bedankte sich der Fahrgast und das folgende Gespräch lief ab:

„Danke, dass Sie gewartet haben, das ist ja heute nicht mehr selbstverständlich.“
„Gerne!“
„Ihre Kollegen sind nicht so nett wie Sie. Die fahren immer weg, auch wenn man nur noch einen Meter braucht. Neulich sogar bei einer Frau mit Kinderwagen.“
„Jaja, manche sind wirklich dumm, ich weiß auch nicht wieso“, erwiderte der Busfahrer mit deutlich russischem Akzent.
„Aber wissen Sie was? Regen Sie sich nicht auf. Dann sind sie halt dumm. Aber das sind nur manche. Die Guten sind mehr!“
Der Fahrgast nickte heftig und freute sich, im Bus zu sein. Ich stand daneben und grinste in mich hinein: Die Guten sind mehr!

An dieses Fazit dachte ich auch, als ich heute die Überreste der heruntergerissenen Sticker sah. Und ich dachte daran, als ich heute gemeinsam mit dem Vorstand der islamischen Hochschulgruppe vor dem Studentenparlament stand und wir nicht nur dazu aufgefordert wurden, uns von radikalen Persönlichkeiten zu distanzieren, sondern darzulegen warum wir nicht salafistisch seien, auf Fragen antworten sollten, die so persönlich und diskriminierend waren, dass sie – als sie noch im sog. Gesinnungstest im Rahmen der Einbürgerung verwendet wurden – vom Bundestag kritisiert wurden. Auch der  UN-Fachausschuss im Rahmen des Staatenberichtsverfahren rügte die Bundesregierung für Fragen dieser Form und hielt sie dazu an, sie nicht weiter zu verwenden. Und mit einigen dieser Fragen wurden wir nun konfrontiert, um nicht zu sagen provoziert.

Wir mahnten uns selbst immer wieder zu Geduld und versuchten die richtigen Worte zu finden, um gleichzeitig versöhnende Wort zu finden und trotzdem darauf aufmerksam zu machen, welches Unrecht hier geschieht. Letztendlich, war für mich der Gewinn dieses Abends nicht, dass ich viel über Geduld gelernt habe, über das Rechtfertigen vor Menschen, die dir offensichtlich nicht wohl gesonnen sind und ihnen trotzdem in die Augen schauen zu können, bis sie selbst den Blick senken. Sondern der Moment, in dem wir in der Pause von Mandatsträgern umringt waren, die uns ihr Beileid aussprachen. Die betonten, es sei der Abend des Fremdschämens für sie. Die sich dafür bedankten, dass wir da waren und dass wir taten, was wir taten. Und die sich dafür entschuldigten, aus geschäftsordnungsrechtlichen Gründen diese Fragen vorlesen zu müssen. Dank und Entschuldigung. Das ist es was an diesem Abend hängen geblieben ist.

Und es war die Mehrheit. Es folgte eine Abstimmung über unsere weitere Finanzierung und die Mehrheit stimmte für uns, die Mehrheit schämte sich, für das was passierte, entschuldigte sich und bedankte sich und wünschte uns alles Gute für die Zukunft.

Ich musste wieder an den Busfahrer mit seiner Lebensweisheit denken, die sein Leben so prägte: Die Guten sind mehr!

Die anderen schreien nur lauter.

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3 Gedanken zu “Islamists Not Welcome!

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