Eine Überdosis American Dream: I Have A Dream!

Carolyn Walker-Diallo. Bis Samstagabend kannte ich weder ihren Namen noch ihr Gesicht. Heute muss ich unbedingt von ihr erzählen: Am 10. Dezember 2015 wurde sie gewählt. Als erste afro-amerikanische Richterin mit Kopftuch in einem New Yorker Zivilgericht. Während es in den letzten Jahren, und auch noch vor wenigen Monaten, zu Vorfällen gekommen ist, bei denen Richter in amerikanischen Gerichten Frauen mit Kopftuch nicht anhören wollten oder ihnen gar eine Gefängnisstrafe aufdrückten, weil sie ihr Tuch um Gerichtssaal nicht abnehmen wollten, tritt sie nun ihr Amt an und sorgt bei der muslimischem Community weltweit für Begeisterungsstürme. Andere nehmen ihren Schwur auf den Quran statt der Bibel als Anlass, ihr mangelnde Loyalität und die falsche Grundlage für ihre Rechtsprechung vorzuwerfen. Sharia oder Amerikanische Verfassung?

Unbenannt

Ich bin eigentlich immer skeptisch gegenüber einem Hype, der Personen zu Symbolen erhebt, sie in überstrahltes Licht taucht und sie zu Vorbildern ganzer Generationen ernennt. Aber hier bin ich kurz davor es selbst zu tun.

Seit ich Jura studiere, mittlerweile seit 8 Semestern, stellen mir immer wieder die unterschiedlichsten Personen die Frage: Und? Was willst du damit machen? Meist erzähle ich etwas in der Art von „Mir möglichst alle Türen offen halten“ oder „Ich habe ja noch reichlich Zeit“, obwohl das zweite gar nicht mehr stimmt. Aber jedes Mal, wenn ich danach gefragt werde, ob ich nicht auch Richterin oder Staatsanwältin werden möchte, antworte ich: „Ach, das geht doch gar nicht!“

Wer ein aufmerksamer Leser ist, wird merken, dass ich die Frage nicht korrekt beantwortet habe. Die Frage zielt immer darauf ab, ob ich es möchte. Meine Antwort spricht von der Möglichkeit. Die Wahrheit ist, ich habe mir nie selbst die Möglichkeit gegeben habe darüber nachzudenken, ob ich es nicht vielleicht doch will. Ob mich vielleicht irgendwann der Wunsch erfüllt, mein Abschluss zu packen und damit ein Richteramt zu erstürmen. Ich habe mir diesen Gedanken von vornherein versperrt.

Bereits im ersten Semester versicherten mir mehrere Kommilitonen, sie würden mich eines Tages, wenn sie alle bereits in einflussreichen Positionen in dicken, bequemen Stühlen sitzen, mit aller Kraft dabei unterstützen, die erste Richterin mit Kopftuch in Deutschland zu werden.
Zukunftsmusik.
Dachte ich damals.
Jetzt fällt mir auf, dass selbst in dieser harmonischen Zukunftsmusik, meine Kommilitonen bereits davon ausgegangen sind, dass sie viel früher und viel schneller in einflussreichen Positionen landen, als ich überhaupt erst meinen Weg zum Richteramt einschlagen würde.
Realität.
Schätze ich.

Erst als mir ganz beiläufig und völlig blauäugig ein Richter vom Oberverwaltungsgericht Münster den Rat ans Herz legte, wenn ich jemals die Möglichkeit hätte Richterin zu werden, sollte es mir völlig egal sein, welches Rechtsgebiet mir zugewiesen würde, ich sollte diese Chance unbedingt nutzen, ging mir auf wie schizophren die Lage eigentlich ist: Für ihn spielte das Kopftuch dabei irgendwie keine Rolle. Für mich schon. Ich schob den Rat gleich beiseite.
Und dachte: Unrealistisch.

Erst vergangene Woche, sagte eine Freundin zu mir – wir spannen uns ein bisschen etwas über unsere Zukunftspläne zusammen –  sie sehe mich schon jetzt auf einem Richterstuhl. Ich lächelte nur vor mich hin und erklärte schon gar nicht mehr, wie unmöglich das sei.

Und als ich gestern von der Wahl von Carolyn Walker-Diallo erfuhr, war es wie eine Überdosis American Dream. Denn: I Have A Dream! Ich habe den Traum, dass ich mir erlaube, mir darüber Gedanken zu machen, ob ich vielleicht dieses Amt will. Ich habe den Traum, dass alle Jura Studentinnen und Studenten die gleichen Berufswünsche haben können. Und ich habe den Traum, dass Carolyn Walker-Diallo, Judge of the New York Civil Court, nicht als die Person wahrgenommen wird, die in ihrem Schwur die amerikanische Verfassung durch den Quran ersetzt, sondern als die Person, die geleitet durch ihren Glauben, einen Schwur leistet, der sie zu Gleichheit vor dem Gesetz verpflichtet:

„When we embarked on this journey almost a year ago, I vowed that if given the opportunity to serve in this capacity, every decision I make as a judge would be made with integrity, compassion and a commitment to ensuring equality under the law.”

Ich weiß wie lange der Streit um das Kopftuch der Lehrerin dauerte und noch andauert und wie kräftezehrend dieser Weg für alle Beteiligten gewesen sein muss. Ich weiß auch, dass der Weg zu einer Richterin mit Kopftuch in Deutschland noch viel länger andauern würde. Und ich weiß auch, dass ich mir nicht sicher bin, ob das mein Weg sein wird, weil ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht habe. Aber ich träume davon, dass es junge, intelligente, muslimische Jura Studentinnen geben wird, die den Mut und die Ausdauer haben, von einem Richteramt zu träumen und ich träume davon, dass diese Studentinnen umringt sein werden, von Unterstützern und Wegbegleitern und von Vorbildern wie Carolyn Walker-Diallo.

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3 Gedanken zu “Eine Überdosis American Dream: I Have A Dream!

  1. Eines Tages hing ein kleines Poster über meinem Schreibtisch auf dem in großen roten Buchstaben zitiert wird:“YOU MUST BE THE CHANGE YOU WANT TO SEE IN THE WORLD“. Wenn wir anderen erlauben zu bestimmen wer wir sind, werden wir am Ende nichts anderes sein, als ein von anderen Menschen erdachtes Konstrukt.

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