Ist es denn schlimm schwarz zu sein?

Neulich erzählte mir ein kleines Mädchen: „Der eine Junge in meiner Klasse beschimpft mich immer und sagt ich bin Schwarz.“
„Ist es denn schlimm schwarz zu sein?“ fragte ich zurück.
„Ja!“, lautete ihre eindeutige, schnelle und klare Antwort.

Nachdem ich mich noch etwas länger mit ihr darüber unterhalten habe, merkte ich, dass ich einfach sprachlos war. Wütend vor so viel Dummheit! Nicht nur darüber, dass sie überhaupt aufgrund ihrer Hautfarbe beschimpft wurde, sondern vor allem darüber von wem. Diesmal war es ein Junge mit arabischem Hintergrund gewesen. Im Kindergarten bereits war es das kleine syrische Mädchen gewesen, dass sie nicht mitspielen ließ, weil sie schwarz war. In beiden Fällen von Kindern aus muslimischen Familien, erzogen von muslimischen Eltern, die es eigentlich besser wissen sollten.

Liebe muslimische Eltern,

Ihr müsstet es doch besser wissen. Besser wissen, weil ihr ganz genau nachempfinden könnt, wie es ist diskriminiert zu werden: Ausgeschlossen, als der Schwache markiert, mindergeschätzt aufgrund einer Eigenschaft, die nur einen Bruchteil der eigenen Persönlichkeit darstellt, an den Rand gedrängt. Das alles habt ihr sicher schon selbst am eigenen Leib oder an euren Kindern erlebt, und die „Mehrheitsgesellschaft“ dafür verantwortlich gemacht und beschimpft. Wie kann es da gleichzeitig passieren, dass muslimische Kinder mit eigenem Migrationshintergrund und entsprechenden Erfahrungen andere Kinder vom Kindergartenalter an aufgrund ihrer Hautfarbe ausschließen, bis sie selbst meinen, es sei „schlimm“ schwarz zu sein?

Sie ist 8 und meint, es sei schlimm, schwarz zu sein. Sie ist 8 und meint, es sei schlimm, so zu sein wie sie ist. Weil sie aus Erfahrungen gelernt hat. Weil sie gelernt hat, ihr Ausgeschlossensein auf ihre Hautfarbe zurück zu führen und sie als andersartig wahrzunehmen. Und sie ist die einzige oder erste, die diese Erfahrungen in der muslimischem Community macht.

Ihr solltet es aber auch besser wissen, weil ihr euch doch zu der Gemeinschaft desjenigen Propheten zählt, der in seiner Abschiedspredigt, in seinen allerletzten Worten an seine Gemeinschaft appellierte: „Gemäß dem Islam sind alle Menschen gleich. Ihr seid alle Kinder Adams und Adam wurde aus Lehm erschaffen!“ Reicht diese Aufforderung zu geschwisterlicher Gleichheit nicht, um jede Diskriminierung von Seiten der Muslime unvorstellbar zu machen? Sollten es nicht grade die Muslime sein, vor denen sich alle anderen sicher fühlen sollten? Und er wird noch eindringlicher und eindeutiger: „Ein Araber ist nicht mehr wert als ein Nichtaraber, noch ist ein Nichtaraber mehr wert als ein Araber; weder ist ein Schwarzer mehr wert als ein Rothäutiger, noch ein Rothäutiger mehr als ein Schwarzer, das einzige Maß der Überlegenheit ist die Frömmigkeit.“

Diese Worte dürfen sehr wohl als Aufforderung verstanden werden, ungeachtet der Hautfarbe jedem einzelnen Menschen mit dem gleichen Respekt zu begegnen und ihm die gleiche Würde beizumessen, nicht aber als Aufforderung dazu, jemanden aufgrund seiner Frömmigkeit oder Glaubenspraxis zu bewerten. Denn häufig genug wird in Aussprüchen des Propheten daraufhin gewiesen, dass nur Gott weiß, was in den Herzen der Menschen ist und es nicht an den Menschen ist, dies zu beurteilen.

In dieser Konstellation funktioniert es leider nicht die altbewährten Kolonialismus Argumente und die „der-böse-weiße-Mann-Rhetorik“ auszupacken, denn hier scheint eine zahlenmäßig überlegene Minderheit eine andere Minderheit ausgemacht zu haben, die sie als schwach und ausgrenzbar meinen erkannt zu haben. Es sollte uns viel mehr zu denken geben, dass wir immer noch mit den gleichen gesellschaftlichen Probleme zu kämpfen haben, wie vor 1400 Jahren, obwohl uns so eindringlich mit auf den Weg gegeben wurde, wie dieses Problem zu lösen ist: Gemäß dem Islam sind alle Menschen gleich! Es sollte uns aber auch zu denken geben, dass unser Prophet, bei seiner letzten Gelegenheit zu einer größeren Menge von Gläubigen zu sprechen, sich auf einige wenige Themen begrenzte und dabei durch die Erwähnung der Gleichheit aller Menschen so eine herausragende Bedeutung zumaß und damit jeder Diskriminierung eine klare und abschließende Absage erteilte. Das allein sollte reichen, um unseren Blick häufiger nach innen zu richten: In unsere eigenen Moscheen und Gemeinden, aber zuerst und vor allem in unsere Familien und in uns selbst. Und wir sollten uns öfter fragen, ob die Menschen um uns herum vor jeder Verletzung durch uns absolut sicher sind.

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